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DRUCKVERSION Land, Ländchen oder Landkreis?

In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" erwähnt Fontane auch eine Reise ins Land beeskow-Storkow. Doch hat es das je gegeben?

von UWE RADA

Wo Fontane war, hinterließ er Spuren. Spuren, die bis heute freigelegt werden, wenn es darum geht, eine Landschaft zu benennen, sie historisch und landschaftlich zu verorten, den Kern ihrer Identität offenzulegen. Glücklich sind dabei jene, deren Region in etwa identisch ist mit der, die Fontane in seinen Wanderungen bereist ist. Im Schatten der Geschichte bleiben dagegen die Landschaften, um die Fontane einen weiten Bogen gemacht hat.

Das 1272 erstmals erwähnte Beeskow im Osten Brandenburgs ist so ein Fall. Das mag zunächst erstaunen, stammt doch Fontanes Frau Emilie aus der Stadt an der Spree. Aber nein, kein lobendes Wort, kein Hinweis auf die mächtige Burg oder die prächtige Marienkirche. Stattdessen sogar ein wenig Häme: "Beeskow ist nicht so schlimm, als es klingt."

Das war alles, was Theodor Fontane im Mai 1862 in sein Tagebuch notierte. Und natürlich hatte seine Frau damit zu tun. Emilie war die uneheliche und zur Adoption freigegebene Tochter einer verwitweten Französin, die ein Verhältnis mit einem Arzt gehabt hatte. Ihr Großvater allerdings war berühmt. Es war der in preußischen Diensten stehende Jean Pierre Barthélemy Rouanet, nachdem heute das Gymnasium in Beeskow benannt ist.

Nun ist es so, dass Beeskow bei Fontane noch einmal auftaucht. Eine österliche Fahrt hat der Chronist der märkischen Landschaft und seiner Geschichten in seinen Wanderungen 1881 unternommen – und zwar "in das Land Beeskow-Storkow". Einen "wenig gekannter Winkel" nennt er den Landstrich, "der nichtsdestoweniger seine Schönheit und seine Geschichte hat".

Nur über die Schönheit und die Geschichte der beiden namensgebenenden Städte erfährt man in diesem Reisebericht wenig. Auch nicht über Saarow, das er im April 1881 besucht hat.

Fontane startet seine Osterfahrt in Fürstenwalde, stattet den Rauener Bergen und den Markgrafensteinen einen Besuch ab, trifft auf den Scharmützelsee und endet in Groß-Rietz und Blossin. Ein Gewährsmann für das "Land Beeskow-Storkow" ist er damit nicht. Diese Region zu beschreiben, ist daher nicht einfach.

Auch deshalb nicht, weil sie keine der historischen und teilweise über Jahrhunderte gewachsenen Regionen der Mark ist. Böse Zungen würden vielleicht sogar behaupten, mehr als über einen Landkreis hinaus habe es besagtes "Land" gar nicht gebracht. "Land" habe Fontane Beeskow-Storkow womöglich nur deshalb genannt, um es in sein publizistisches Konzept hineinpressen zu können. Denn die Wanderungen gliedern sich hauptsächlich in märkische "Länder", das Havelland, das Oderland, das Spreeland.

Und selbst als Kreis scheint Beeskow-Storkow nicht immer Erfolg gehabt zu haben. Denn der Landkreis Beeskow-Storkow, dessen Ursprünge bei Wikipedia im Dunkeln liegen, wurde nach der Übernahme der Niederlausitz durch Preußen 1816 aufgelöst. Allerdings wurde schon 1836 der status quo ante wiederhergestellt. Bis 1950 und damit in die DDR hinein bestand der Kreis dann. So könnte man die Geschichte des von Fontane benannten "Landes Beeskow-Storkow" also als eine Verwaltungsgeschichte schreiben. Aber schafft Verwaltung Identität?

Nachgeblättert also bei dem, der Fontane in die Gegenwart geschrieben, ihn von seinem Zierrat und dem adligen Dünkel befreit und damit auch demokratisiert hat. Für Günter de Bruyn war Beeskow-Storkow auch Heimat, auch wenn es ihn erst 1968 in die Blabbermühle bei Beeskow zog, in einer Zeit also, in der der Kreis bereits Geschichte war.

Allzu viel aber bot diese Heimat nicht, vor allem nicht an Vergangenheit. "Beeskow-Storkows Geschichte bietet kaum Höhepunkte", schreibt Günter de Bruyn in seinem 1993 erschienenen Buch Mein Brandenburg. "Germanische Semnonen, slawische Lusiki, deutsche Kolonisatoren, preußische Beamte und sächsische Parteifunktionäre kamen nacheinander in diese Gegend, aber ein Ereignis, das die Geschichtsbücher hätten verzeichnen können, kam nie."

So wurde aus Beeskow-Storkow ein Land im "Abseits", wie ein späteres Buch de Bruyns betitelt war. Selbst den Sachsenkönigen und der Böhmischen Krone, die im Mittelalter die Lehnshoheit ausgeübt hatten, "waren die beiden Herrschaften so uninteressant wie später den brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Königen".

So sehr am Rande lag die Gegend für de Bruyn, dass er der Herrschaft Beeskow-Storkow in Mein Brandenburg nicht einmal ein eigenes Kapitel widmete. Stattdessen finden sich seine Beschreibungen im Kapitel "Nachrichten aus dem Spreeland".

Das Land Beeskow-Storkow ist also nicht so sehr ein "wenig gekannter Winkel", wie Fontane raunte und damit insinuierte, es müsse nur aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden. Viel eher ist es eine poetische Erfindung oder wenigstens eine wohlwollende Übertreibung, denn mehr als die Verwaltungsgeschichte als Kreis hat es womöglich tatsächlich nicht zu bieten.

Vielleicht war das auch Fontane auf seiner Osterfahrt klar geworden. Indem er das Schloss Groß-Rietz, Sauen, die Markgrafensteine und, aus der Ferne, den "Schermützel" beschreibt, erzählt er das Porträt der Region als Abfolge ihrer touristischen Höhepunkte.

Oder ist da doch mehr im Spiel? Hat Fontane etwas übersehen oder vergessen, es zu erwähnen, etwas, dass über einen bloßen Landkreis hinausgeht? War ihm der rote Faden verborgen geblieben, den es wieder aufzunehmen gelten könnte, eine Klammer, die Beeskow und Storkow und das sie umgebende Land, das im Norden Fürstenwalde umfasst und im Südosten Friedland, zusammenhält?

Noch einmal nachgeblättert. Diesmal in der 1922 erschienenen Geschichte des Kreises Beeskow-Storkow aus der Feder von Carl Petersen. Ein monumentaler Schinken und auch eine Geschichte, die etwas Anlauf brauchte. Vom Kreistag selbst 1905 in Auftrag gegeben, dauerte es bis zu ihrer Fertigstellung ganze 17 Jahre.

Da hat sich also einer Mühe gemacht, hat zusammengetragen, ausgewertet, Dokumente in Archiven studiert, sortiert und gegliedert. Allerdings nur bis 1836. "Wiedervereinigung" ist unter diesem Jahr in der Chronologie am Ende des fast 500 Seiten starken Bandes vermerkt, der 2002 vom Landkreis Oder-Spree als Reprint herausgegeben wurde.

Mehr als eine Verwaltungsgeschichte ist aber auch diese Fleißarbeit nicht geworden. Allerdings muss sich Petersen dieses Dilemmas bewusst geworden sein, bezeichnet er doch gleich zu Beginn den Gegenstand seiner Untersuchung nicht nur als Landkreis. So heißt es in der Vorrede: "Schon lange vor dem Weltkriege war es der Wunsch der Bewohner des Kreises Beeskow-Storkow, eine Geschichte ihres Ländchens zu besitzen."

Kein Land also wie bei Fontane, aber – immerhin – ein Ländchen, mithin mehr als ein Kreis. Und auch ein paar charakteristische Züge dieses Ländchens hat Petersen in seiner Vorrede genannt: "Das Ländchen, dessen Geschichte im folgenden erzählt wird, besitzt landschaftlich jene etwas melancholischen herben Reize, die man auch sonst in der Mark wahrnimmt, in ausgeprägtem Maße. Große, klare Seen zwischen grünen Wiesenniederungen wechseln mit harzduftenden, in den dürren Sandstrecken dürftig wachsenden Fichten- und Kiefernheiden, die von der träge fließenden Spree durchschnitten werden, und mit heute wohlbestellten Ackern auf dem mageren Höhenboden."

"Einer der ärmsten der armen Mark" sei der Kreis und – obwohl der Hauptstadt gar nicht so fern – erst spät an die Eisenbahn angeschlossen. Das schreibt Petersen in der Vorrede auch noch, obwohl das Eisenbahnzeitalter seinen Untersuchungszeitraum übersteigt. In dieser im Duktus fast ungewöhnlichen Anteilnahme an den "melancholischen Reizen" ist Petersen gar nicht so weit entfernt von der "Liebeserklärung", die Günter de Bruyn seiner Landschaft im Abseits zuteil werden ließ.

Landkreis, Ländchen, Land? Was denn nun, möchte man fragen und sucht, ein letztes Mal, Hilfe bei einem zeitgenössischen Chronisten. Im Kreiskalender aus dem Jahre 2013 hat sich Jürgen Pfeiler der Aufgabe gewidmet, "Historisches zum Kreis Beeskow-Storkow" beizutragen. Eine besondere Aufmerksamkeit gebührt dabei den beiden namensgebenden Städten.

Beeskow und Storkow bezeichnet Pfeiler, ehemaliger Archivar im Kreisarchiv Beeskow, als "ungleiche Schwestern". Ungleich, weil die Entwicklung Beeskows über die Jahrhunderte hinweg deutlich dynamischer verlaufen war als die von Storkow, obwohl dieses schon 1209 erstmals erwähnt wurde und damit älter ist als Beeskow. Und Schwestern, weil beide Städte dennoch über diese Zeit hinweg etwas verbunden hatte. Eine Liaison, die ungewöhnlich war in der Mark und deshalb eine tiefere Betrachtung verdient. Ist also das der rote Faden?

Wer heute über die Bundesstraße 246 von Beeskow nach Storkow fährt, befindet sich auf historischem Grund. Eine alte Poststraße ist in der Brandenburg-Karte von Conrad Lötter im Jahre 1758 eingezeichnet. Sie führt von Cölln nach Cottbus und verbindet auch die beiden Städte "Storkou" und "Besekow". Es ist die einzige Straße, die in der Karte verzeichnet ist.

Und noch etwas hat Pfeiler, im Gegensatz zu Petersen, herausgefunden. Schon 1701 amtierte auf der Beeskower Burg ein Kommisar. Diesem hatte Friedrich I. im Jahr seiner Krönung als König in Preußen 1701 den Titel Landrat verliehen. Zur Ungleichheit unter den Schwestern kommt also noch, dass Beeskow mit seinem Sitz als Kreisstadt "primus inter pares" war - und bis heute ist.

Und dann ist da ja noch die – nicht ganz unkomplizierte – Geschichte, die Beeskow und Storkow zusammenschweißt, mehr jedenfalls als zwei Städte, die zu ein und demselben Landkreis gehören. Die Streleburgen, zu denen auch die dritte in Friedland gehört, sind Zeugnisse der Wettinischen Zeit, als Heinrich der Erlauchte sein Territorium gegen die Mark mit Grenzburgen absichern musste.

Dann die Zeit, in der Beeskow und Storkow zu je eigenen Herrschaften wurden, die aber dem gleichen Besitzer gehörte, das war nach den Streles der König von Böhmen. Und auch in der Zeit derer von Biberstein waren beide Städte und Herrschaften eng miteinander verbunden. Selbst die Bischöfe von Lebus und die Hohenzollern änderten daran wenig. "Sie hielten die beiden Herrschaften zusammen", bilanziert Jürgen Pfeiler.

Eine Städteverbindung also war es, was Beeskow und Storkow ausmacht und damit eine Liaison, die tatsächlich mehr ist als eine bloße Verwaltungszugehörigkeit. Vielleicht kein Land, aber doch, wie bei Petersen, ein Ländchen.

Zusammengehalten wird es, wie die einstige Poststraße auch, von der Eisenbahn. Mit ihr hat das Ländchen seit 1898 Anschluss an die großen Städte an seiner Peripherie: Frankfurt im Nordosten und Berlin im Nordwesten. Sogar bis nach Fürstenwalde, von wo Fontane aus ins "Land Beeskow-Storkow" startete, führte von Wendisch-Rietz eine Bahnverbindung.

Aber die ist inzwischen auch schon wieder Geschichte.


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